Stilettos, Zelluloid und Goethe
Mein Vorspiel auf dem Theater
Hallo ihr Lieben,
nach all den philosophischen Schleifen über die Stahlkugel der Zeit wird es jetzt endlich konkret. Wir werfen die Theorie über Bord und treten ein in die verrauchte, gleißende Realität einer Garderobe der 1920er Jahre.
Für diejenigen unter euch, die im Deutschunterricht aufgepasst haben, wird dieses erste Kapitel ein absolutes Fest sein. Ich habe dieses Vorspiel ganz bewusst extrem eng an Goethes Faust I angelehnt.
Wer Goethes Meisterwerk kennt, weiß, dass der Tragödie ein „Vorspiel auf dem Theater“ vorausgeht, in dem ein Direktor, ein Dichter und eine lustige Person darüber streiten, was ein gutes Theaterstück ausmacht. Ich habe dieses klassische Trio genommen und es in die Epoche des großen Umbruchs geworfen – dorthin, wo das sterbende Theater auf die Geburt des Kinos trifft.
Mein expressionistisches Trio des Umbruchs
Ich habe die drei Protagonisten dieses ewigen Streits für euch im expressionistischen Stil gemalt, um ihre Seelen freizulegen:
- Direktor Klingenstahl (Der Theaterdirektor): Genau wie bei Goethe denkt er ans Überleben und an die Kasse. Er ist pleite, Goldstein gibt keinen Kredit mehr und das Geld reicht noch genau drei Monate. Er will Action, Emotionen und Masse: „Es muss rappeln auf der Bühne!“
- Der Theaterdichter (Der Dichter): Bleich, melancholisch, den Blick an die Decke geheftet. Er trauert den alten Zeiten hinterher, als die Hüte flogen und die Kunst noch rein war. Er flüchtet vor dem Kommerz – sogar bis auf die Couch von Sigmund Freud.
- Die Schauspielerin (Die lustige Person): Mit 56 Jahren hat sie ihren Zenit überschritten. Sie bringt die bittere, aber humorvolle Realität des Künstlerlebens auf den Punkt, während die Nivea-Creme ihr Gesicht in eine starre Maske verwandelt.
Vom Theater zum Film: Ein neuer Pakt
Klingenstahl weiß, dass man mit den alten Reimen heute niemanden mehr hinter dem Ofen hervorlockt. Während das Theater stirbt, spielt Charlie Chaplins The Kid in Übersee Millionen ein. Seine Vision ist monumental: Sie werden die Theaterbühne begraben und einen Film drehen – mit dem visionären Kameramann Eugen Schüfftan.
„Wir machen einen Film. Mit einer Geschichte, die sich durch die Jahrhunderte frisst. (...) Ein Streifzug von der Erde in den Himmel bis tief in die Hölle.“
Spürt ihr es? Das ist exakt Goethes berühmte Formel: „So schreitet in dem engen Bretterhaus / Den ganzen Kreis der Schöpfung aus / Und wandelt mit bedächt’ger Schnelligkeit / Vom Himmel durch die Welt zur Hölle!“ Nur, dass der Vorhang bei mir eine Kinoleinwand ist, die erzittern wird.
Schreib, wie du bist
Klingenstahls Appell an den Dichter ist gleichzeitig mein flammendes Credo an mich selbst beim Schreiben dieses Romans:
„Je mehr du dich verbiegst, desto schlechter wird’s. Es muss aus dir selbst kommen, du musst es fühlen, sehen, spüren. (...) Schreib, wie du bist. Wenn du leise sein willst, dann schreib leise – und wenn du laut sein willst, muss deine Feder brüllen.“
Das Spiel hat begonnen, die Kamera läuft.
Wie gefällt euch diese filmische Transformation des klassischen Faust-Stoffs? Erkennt ihr die Parallelen in den expressionistischen Porträts wieder?
Eure
Joan W. Theego
Joan W. Theego
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